Thema: Raus damit!
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Alt 08.09.2018, 13:29
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Papstanwärter Papstanwärter ist offline
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Standard AW: Raus damit!

Liebe Mitstreiter,

vielen lieben Dank für die Reaktionen nach meinem letzten Beitrag.
Allerdings, und das meine ich wirklich ernst, bin ich weder tapfer geschweige denn ein Held. Eigentlich bin ich ein großer Egoist, hilft mir mein "Geschreibsel" doch ein bisschen dabei, die jeweilige Situation zu verarbeiten.
Jetzt könnte ich mir natürlich die Frage stellen: warum schreibst du dann öffentlich und nicht in Form eines Tagebuch, für dich allein?
Die Hoffnung, das vielleicht jemand einen entsprechenden Nutzen aus der Geschichte ziehen kann. Denn, ganz ehrlich, am Anfang einer solchen Krankengeschichte kennt man weder den (möglichen) Verlauf, noch die Möglichkeiten, diesen Ereignissen zu begegnen. Und die Erkenntnis: nutzt die Zeit, wann immer es geht!

Ich liege jetzt also in meiner dritten Woche auf der Palliativstation.
Gestern wurde ein Versuch gestartet, die Magensonde durch die Bauchdecke mittels "CT-Aufklärung" zu verlegen. Und es gelang. Die Gastro-Enterologin, mir bisher unbekannt, einigte sich mit mir vor dem Eingriff in meinem Sinne auf die Arbeitsteilung: ich würde schlafen, sie arbeiten.
Nach dem Aufwachen war mein erster Griff reflexartig an die Nase. Und tatsächlich, der Schlauch der Sonde war weg. Welch Wohltat nach 14 Tagen.
Nun erscheint besagter Schlauch also etwas oberhalb des Bauchnabel an der Oberfläche und führt in den Drainagebeutel.
Bisher durfte ich nur Getränke zu mir nehmen. Ich spüre sie noch durch den Rachen laufen, da ist es auch schon im Schlauch zu sehen, auf dem Weg in den Beutel.
Man könnte meinen: was für eine Verschwendung! Der Körper kann keinerlei Nutzen mehr aus der Zufuhr beziehen.
Weit gefehlt. Rein physisch mag das zutreffen. Aber alleine der Gedanke, morgens meinen heißgeliebten Kaffee mit Genuss trinken zu können, hilft mir enorm.
Ebenso der Gedanke, Speisen jeglicher Art nur noch "passiert", also feinst zermahlen und mit entsprechender Flüssigkeitsmenge zu sich zu nehmen. Erst kürzlich habe ich mir in Gedanken ausgemalt, was ich (dummerweise) alles im Tiefkühlfach deponiert habe, um es zu gegebener Zeit zuzubereiten. Rehgulasch, Wildschweinbraten usw macht man sich ja nicht "mal eben zwischendurch" sondern wartet auf einen besonderen Anlass. Jetzt bleibt mir zumindest noch die Freude der Zubereitung, ergänzt durch das Erleben des Geschmacks in Form der Sosse. Selbst diese kleine Annehmlichkeit würde ohne Sonde wegfallen.

Letzte Woche gab es dann auch noch einen emotionalen Schwerpunkt: wie sagt man einer 82-jährigen Mutter, das nun endgültig in absehbarer Zeit der jüngste Sohn das zeitliche segnen wird? Bisher keimte ja immer noch ein wenig Hoffnung in der Geschichte mit. Und, ehrlich gesagt, haben wir versucht, die Dramaturgie immer ein wenig abzuschwächen. Das ließ sich nun leider nicht mehr aufrechterhalten. Entsprechend war die Reaktion.

Nächste Woche geht es wohl nach Hause. Nicht nur, das ich endlich Wanja, die Fellnasen und die gewohnte Umgebung wiedersehe. Wir werden auch noch einmal unseren neuen Wohnwagen nutzen und ab Mittwoch an den Rhein tingeln. Schließlich haben wir ihn jetzt erst vier Tage genutzt und werden die Seele am Ufer baumeln lassen.
Es mag angesichts der Entwicklung gerade nach kürzester Zeit erstaunlich klingen, aber bei diesen Gedanken bin ich glücklich. Weit entfernt von Vorhaben wie Outdoor-Küche oder Badezimmer unter dem Dach.
Aufgaben solchen Umfanges sind nicht mehr machbar, und deshalb unerheblich.
Leben, mit dem was geht!

Ich wünsche allen ein schmerzfreies sonniges Wochenende und viel Freude bei allem, was ihr tut.

LG

Ralf
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Eines Tages werde ich sterben müssen.
An allen anderen jedoch nicht!
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