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Alt 30.12.2004, 23:44
Gast
 
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Standard Ich zünde viele Kerze an für...Paps

2001 - Dickdarm Ca
2002 - Leber Metas...
2002 - Rektum Ca.
2002 - Leber Metas.
2003/02 - Sterben we. Chemo abgebrochen
2003/12 - nach Lebens-Qualität eingeschlafen

Lieber Paps,
ich denke viel an letztes Jahr, ich vermiss Dich so sehr! Ich weiß, es geht Dir jetz viel besser...ohne Schmerzen.. mit vielen Freunden da oben.

Weihnachten 2003. Du sagtest "Der erste Weihnachtstag ist ein schöner Tag zum Sterben" - ich möchte dieses Jahr (2004)ungeplant bleiben, unsere gemeinsamen Tage nochmals durchleben und nachdenken. Vielleicht fahre ich spontan irgendwo hin - aber zur Zeit möchte ich aus Deiner Nähe nicht weg. (ich bin hier geblieben.. mag niemanden länger um mich rum haben... )

Am zweiten Weihnachtstag 26.12.03 hast Du Dich abends auf Deinen Weg gemacht.... er war holprig .- hoffentlich nicht so schmerzhaft. Ich wollte Dir nie wehtun, Du hattest mir Deine Schmerzen verschwiegen - aus Angst ins Krankenhaús zu müssen. Nie und nimmer hätte ich das zugelassen - so hatten wir das doch besprochen. Du hättest schon viel früher schmerzstillende Mittel bekommen können.

Erst am 29.12. gabst Du die Schmerzen offen zu - der Arzt kam mittags mit Morphinspritze - sofort zeigte ich die Patientenverfügung und dass Du hierbleibst. Später folgte das Pflaster... ich hätte Dir auch noch mehr geklebt - ein Zeichen von Dir hätte genügt. Um 15 Uhr hast Du per Nicken den Pfarrerbesuch gewünscht - er kam ca. 16 Uhr. Wir beteten gemeinsam, es war so unwirklich, Du warst schon weit weit weg. Danach wirktest Du erleichtet und friedlich, bereit für das Kommende.

Ich war fast immer an Deiner Seite, als ich ca. 20.15 Uhr wieder in Dein Zimmer trat - war eine ganz andere Atmosphäre. Weil Dir so kalt war, hatten wir ja gut eingeheizt, so dass ich immer, wenn ich bei Dir war.. sofort meinen Pulli abwarf. Aber als ich 20.15 kam.. es war so eine angenehme Frische - als wären Türen geöffnet. Sofort überprüfte ich die Heizung, Türen, Fenster sowie verschiedene Thermometer, dort war alles normal warm.

Nach einigen Telefonaten mit Deinen Freunden, dass sie jetzt eine Kerze für Dich anzünden sollen, telefonierte ich mit Deiner Freundin Hannelore und während dieses Telefonats hörtest Du gegen 21 Uhr auf zu atmen. So schön habe ich Dich noch nie gesehen - Du sahst glücklich und zufrieden aus, wie Anfang 50 - nicht wie 74. Papa.. Du hast es geschafft.

Deine Mädels waren um Dich rum - obwohl wir es wußten, waren wir dennoch geschockt. Man kann sich nie vorbereiten, es überrollt einen hammerhart. Der Arzt-Besuch war eine Stunde später, so konnte/mußte er Dich nicht wieder zurückholen. Danach habe ich mit Dir Hand in Hand bis in den frühen Morgen die Flasche Metaxa leergemacht, vielleicht habe ich Dir dann später Blödsinn erzählt.

Am nächsten Morgen kam der Arzt wieder und stellte den Totenschein aus. Danach fuhr ich mit Mara zum Bestatter, habe ihm erzählt, dass ich eine fröhliche Trauernde bin, weil es Dir jetzt endlich wieder gut geht und Dein grösster Wunsch war, endlich sterben zu können. Hab auch gesagt, dass sie sich mit Deinem Abholen viel Zeit lassen sollen, Du magst keinen Stress. Danach gings zur Gemeinde - wir haben den Platz No. U1 auf dem Friedhof bekommen.

Abends gegen 18 Uhr kamen die Bestatter - hab Dir ein weisses Hemd und blaue Hose gerichtet. Sie baten mich, die Wohnung zu verlassen um Dich anzuziehen, ich bat drum, dass sie Dir beim Anziehen bitte, bitte nicht wehtun!! Aufgrund der Haus-Umbau-Maßnahmen konnte der Sarg nicht durchs Treppenhaus transportiert werden, Desaster. Du wurdest mit einer ?Tasche heruntergetragen, draussen in den Sarg gelegt und aufgebahrt. Mara und ich haben dann gemeinsam mit den Bestattern in der winterlichen Landschaft gebetet. Du hast sicherlich geschmunzelt, weil wir so schlechte Kirchgänger/Beter-Innen sind.

Auch das Sterbebild wurde ein ganz besonderes, Du hattest Dir schon vorher Deine Zeilen ausgesucht: "Wer im Gedächnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, der ist nur fern; tot ist nur wer vergessen wird. (Immanuel Kant)". Deinen Platz auf dem Friedhof hattest Du Dir ganz vorne gewünscht, schauen können wer da kommt und Richtung neues Eisstadion, diese Aussicht wurde ebenfalls auf dem Sterbebild festgehalten.

Gegen Mittag sprach ich beim Pfarrer vor, sagte ihm, dass ich keine traurige sondern eine freudige Beerdigung möchte, das wäre genau in Deinem Sinne. Der Kirchenchor wurde ebenso informiert. Einige Deiner Freunde sind die 700 km angereist um sich von Dir zu verabschieden, teilweise über Nacht gefahren, es war einfach wunderschön. Der Abschied - die Beerdigung. Du hast es tatsächlich geschafft, mich mal wieder in die Kirche zu bringen - hast bestimmt gelacht mein Lieber. Der Pfarrer hat einige Anekdötchen von Dir berichtet, der Kirchenchor war auch gut. Neben mir die Leichenfrau, ich brauch immer nur schauen, was sie macht.. einfach alles nachmachen "sitzen, knien, stehen". Als sie ging sagte sie zu mir, ich soll einfach dem Pfarrer folgen. Toll, er ging zum Umkleiden ins die Sakristei und ich sprang auf und wollte hinterher. Aber die anderen Kirchenbesucher hinter mir gestikulierten mir zu warten. Das kann einer geübten Kirchgängerin nicht passieren... lächel.

Draussen vor der Kapelle vor Deinem Sarg. Dein lieber Trompeter-Nachbar und seine Freunde haben sich tatsächlich in dieser Hundskälte hingestellt und ins Blech und Horn geblasen, um Dir das letzte Geleit zu geben. Mir liefen nur noch die Tränen. Es wurden viele Lieder. Die Finger kalt und steif, alle waren am bibbern, auch die Messdiener. Es war ein wirklich schöner unbeschreiblicher Abschied - mir fehlen die Worte.

Dein Lieblings-Trompeter erzählte mir dann auch, dass er Deine Grabstelle gesucht und nicht gefunden hätte. Er hatte uns doch von diesem guten Lehmboden erzählt, worin man Langzeit-konserviert wird. Ich erinnerte ihn daran, und dass Du Dich deshalb endgültig für das Krematorium entschieden hättest. Er hat gelacht... er wäre jetzt schuld.

Danach haben wir uns alle im Gasthaus eingefunden, Pfarrer, Messdiener, Kirchenchor und Trauergäste...und das Mittagsmahl eingenommen. Der Service war wie immer schnell. Deine Ohren haben garantiert geklingelt, es gabe wieder alte Geschichten von Dir. Du hast es Deinen früheren Gästen nicht leicht gemacht. Danach sind wir wieder zur Kapelle, aber Du warst bereits weg Richtung München. Die Bestatter haben Deine Kränze rings um das Friedhofskreuz gelegt, weil noch keine Grabstelle gekennzeichnet war. Später erfolgte in aller Stille die Urnenbeisetzung.

Es gab sehr, sehr schöne Nachrufe aus Deiner Heimat:

So rauh wie herzlich
Siegfried H. in B. verstorben.
Er war ein Typ, ein echtes Original : Als Kneiper "vom alten Schlag" und Mensch hat Siegfried H. Spuren in W. hinterlassen. Anfang dieser Woche ist er nach langer schwerer Krankheit im Alter von 74 Jahren in B.T. verstorben. Als die Gastwirtschaft an der Goethestr./M. Str. noch zur "Gemütlichen Ecke " hieß, führte er dort ein strenges Regiment. Im kurzen Gespräch an der Theke war er in seinem Element. Wirkte er auf neue Kunden auf den ersten Blick eher barbeißig und geschlecht gelaunt, schlossen sie ihn alsbald in ihr Herz. So rauh wie herzlich: Das war Siegfried H. Eine typische Geschichte: Drei Männer wählen aus der kleinen Schnitzelkarte aus. H. hört die Bestellung: zwei Jäger-, ein Schnitzel natur. "Ich mach Euch drei Holzfällersteaks mit Zwiebeln" Widersprechen wollte niemand. Und: Teller leer essen war Pflicht!.

Siegfried sagt ade!
Im Alter von 74 Jahren ist Siegfried H. in dieser Woche gestorben. Am heutigen Samstag wird der der bekannte W. Gastwirt in G. bei B. beerdigt. Siegfried H. , der nach schwerer Krankheit friedlich eingeschlafen war, lebte zuletzt bei seiner Tochter R. in G., die ihn liebevoll pflegte. Unter den Wirten in W. war der Verstorbene zweifelsohne ein beliebtes und bekanntes Original. Denn Fremde konnten beispielsweise erst nach drei Getränken in die Speisekarte schauen. Un die Teller mußten leer gegessen werden...Über 30 Jahre hat Siegfried H. seine gemütliche Kneipe gegenüber der Kath. Kirche geführt. Unter Einheimischen hieß es dann auch: "Treffpunkt heute im Vatikan". Ein liebenswertes Original lebt nicht mehr.

Siegfried H. ist tot...
Lieber Siegfried,
wir werden Dich nicht vergessen. Du bleibst in unseren Erinnerungen. Deinen letzten Gruß an uns, Deinen Dienstagsstammtisch hat uns Deine Tochter übermittelt:."Sag den Jungs, ich türm schon mal ..." Ja, Du warst ein echtes W. Original, nicht nur als Gastwirt in der Eckkneipe gegenüber vom Dom, wo Du über 30 Jahre geschlachtet, gekocht und gezapft hast. Die letzen Jahre Deines Lebens hast Du in G. bei B. bei der Tochter verbracht. Von dem Balkon aus konntest Du die Dreharbeiten für die Fernsehserie "Der Bulle von B." verfolgen. Aber W. hast Du nicht vergessen, denn Sonntag für Sonntag startete von G. aus eine Anrufaktion nach W.
Du warst immer bestens informiert über das Leben in W. Klagen über die eigene schwere Krankheit, das lag Dir fern. Im Gegenteil: Sorgen hast Du Dir stets um uns und unsere Wehwehchen gemacht. In Gedanken sind wir bei Dir, wenn Du heute auf die letzte Reise gehst. Sicherlich ist für Dich da oben im Himmel ein besonders schöner Fensterplatz bereit.
Wir danken Dir für Deine Freundschaft,
Deine Stammtischfreunde................................. .................................................. .................................
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Lieber Paps.
Du hattest seit Mitte 2001 - 4 OPs - 28 Bestrahlungen - 52 Chemos, Dein JA zur AnusPräter OP (12/03) hattest Du später zutiefst bedauert. Anfang Febr. 03.. Du willst nicht an Chemo sterben - wenn dann an Krebs... und hast Chemo-Therapien abgebrochen... und wir haben "LEBENSQUALITÄT" ganz gross geschrieben + ein orthomolek. Medizin anfangs. Essen war ganz gross geschrieben und ich habe Deine Lieblingsgerichte gekocht - es war fast Winter, als es Dir nicht mehr schmeckte - vorher es war eine schöne Zeit. Es folgten Nieren/Blasen-Probleme - diese Krankheit ist nicht zu stoppen. Dennoch haben Dir die Ärzte (Pflicht Pharma)? im Dez. noch Chemo angeboten.. und leise heftig nickend Deiner No-Chemo-Entscheidung zugepflichtet.

Anfangs war ich euphorisch, glücklich, dass Du endlich erlöst und ohne Schmerzen bist. Aber danach und bis heute, ein Jahr später, es tut immer noch so schrecklich weh und viele Tränen...Ich weiß, egoistisch von mir, es geht Dir jetzt viel besser und Du schaust hin und wieder zu uns herunter und passt auf mich auf. Ich vermiss Dich! Hab vorhin mit Deiner Freundin Hannelore telefoniert.. ihr Bruder ist Anfang Dezember gegangen....Die Flut... die Welt geht langsam unter..
In Liebe ...Dein Rös'chen.
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