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Alt 26.11.2004, 17:31
Gast
 
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Standard Ab heute Klarheit...

Hallo Sibylle

Ich weiß, wie Du Dich jetzt fühlst. Bei meinem Schwiegervater wurde die Diagnose Ende Juni gestellt. Es war ein furchtbarer Schock für alle. Ich habe mit verschiedenen Ärzten (Bekannten) gesprochen, alle waren ziemlich einhellig in ihrer Aussage, in max. 6 Monate seien so ziemlich alle tot. Die Deppen. Im Juli/August ging es meinem Schwíegervater immer schlechter, anfangs war er ja nur wegen etwas Bauchschmerzen zum Arzt gegangen, bald mußte er 3xtäglich Opioid-Tropfen nehmen, Gewicht ging bis 68 kg runter, er war völlig depressiv. Ab der 3. Chemo ging´s bergauf, momentan nimmt er keine Schmerzmittel, ist wieder bei 72 kg und letzte Woche zum Schrecken seiner Frau 3 Stunden alleine im Wald zum Pilzesuchen rumgekraucht. Es geht ihm gut.

Du solltest versuchen, mit Deiner Schwiegermutter über ihre Situation zu reden. Sonst riskierst Du, dass sie irgendwoher "Bauchspeicheldrüsenkrebs" hört, dann garantiert jemanden kennt, der jemand kennt, der innerhalb von Wochen daran gestorben ist. Oder jemand erklärt ihr den Begriff "palliative Behandlung". Wahrscheinlich hat sie eh schon einiges aufgeschnappt und wenn Ihr jetzt nicht darüber redet (sie wird es garantiert nicht tun, weil sie Euch nicht belasten will), dann wird es für sie noch schwerer.

Sie hat eine extrem schwere Krankheit, die mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich enden wird. Aber keiner kann jetzt sagen wann, auch kein Arzt. Und niemand kann den Verlauf vorhersagen.

Sie braucht jetzt Eure Hilfe. Da sie ihr Leben lang primär an andere gedacht hat, wird es für sie schwer sein, Hilfe anzunehmen. Mach Ihr klar, dass Du (und wer sonstnoch) für sie da bist. Wenn möglich, laßt sie nicht alleine zu ihren Arztterminen gehen, nicht nur wegen der moralischen Unterstützung, sondern auch, weil sie jetzt kaum in der Lage sein wird, sich zu informieren und Fragen zu stellen. Aber das ist wichtig. Wer nicht fragt, bekommt keine Antwort. Wer sich nicht informiert, ist auf die Informationen der Ärzte angewiesen - und das kann bitter wenig sein. Laßt von allen Befunden eine Kopie machen, leg für Dich selbst eine Datei an, in der Du die Untersuchungen und Medikamente notierst, so dass Du bei Fragen schnell auf die Infos zugreifen kannst.

Hat Deine Mutter Beschwerden? Dann ist es wichtig, für eine Verringerung zu sorgen. Wenn sie Schmerzen hat, dann soll die Schmerzmittel nehmen (Arzt suchen, der Opioide verschreibt), und zwar nicht dann, wenn es schmerzt, sondern regelmäßig, so dass die Schmerzen unterdrückt werden. Schmerzmittel verursachen häufig Verstopfung, das kann sehr quälend sein, also bei den ersten Anzeichen sofort entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen (das übliche wie viel trinken, viel Obst und Gemüse, wenn sie es verträgt und mag, aber auch Abführmittel verschreiben lassen). Achte darauf, ob sie Anzeichen von Depression zeigt (u.a. Schlaflosigkeit), dann soll der Arzt ein Antidepressivum verschreiben.

Hat sie bereits abgenommen/nimmt sie noch ab? Gewichtsstabilisierung ist sehr wichtig. Sie soll jetzt essen, was sie mag, also nicht anfangen mit "Ernährung gegen den Krebs", Spezialdiäten oder ähnlichem. Bei Appetitlosigkeit kann es helfen, wenn sie nicht selbst das Essen kochen (vor allem: riechen!) muß, sondern wenn sie es fertig bekommt. Möglichst immer irgendwo was zu Essen liegen haben, Kekse, Nüsse, Chips, was immer sie mag, damit sie auch zwischendurch was ißt (mein Schwiegervater kann keine großen Mahlzeiten mehr essen, sondern ißt jetzt öfter kleinere).

Die Chemo sollte bald beginnen. Wahrscheinlich wird sie mit Gemzar behandelt, das ist jetzt Standard. Versuch, ihr die Angst davor zu mindern, indem Du ihr erklärst, was passiert (und wenn möglich, sollte immer jemand von Euch bei der Chemo dabeisein). Gemzar wird 1x wöchentlich als Infusion gegeben. Das kann, so Euer Onkologe/Krankenhaus in der Nähe ist, ambulant geschehen (etwa eine Stunde). Die Nebenwirkungen sind bei weitem nicht so dramatisch wie die meisten Leute glauben (mein Schwiegervater hat normalerweise am 1. Tag nach der Chemo etwas grippeänliche Symptome und wenig Appetit). Es werden regelmäßige Blutuntersuchungen durchgeführt und es kann vorkommen, dass eine geplante Chemo auch mal ausfällt, weil die Blutwerte schlecht sind und man den Patienten etwas Erholungszeit geben möchte. Das ist nicht dramatisch, jedenfalls nicht, wenn man weiß, dass es vorkommen kann (als bei meinem Schwiegervater - der partout allein hinwill - eine Chemo ausfiel, da war er in Panik!).
Gemzar kann, muß aber nicht zur Verkleinerung des Tumors führen. Daher wird nach einer gewissen Zeit Chemo eine Kontrolluntersuchung gemacht und ggf. das Mittel gewechselt. Darauf kann man sie vorbereiten, wenn die Untersuchungen anstehen.
Während der Chemo ist Deine Mutter anfällig gegen Infektionen - alle Bazillenschleudern fernhalten und ihr Immunsystem unterstützen, keine Impfungen.

Sprecht den Onkologen bezüglich Misteltherapie an. Kann sinnvoll sein, wird inzwischen auch von den Kassen bezahlt, sollte aber nicht zu jedem Zeitpunkt begonnen werden.

Mein Schwiegervater hat relativ bald begonnen, Multivitamine + Mineralien, Zink und Selen (doppelte empfohlene Tagesdosis - hat mir der Internist meiner Krankenkasse gesagt) zu nehmen. Im August habe ich ihm dann Wobe Mugos mitgebracht und ausprobieren lassen. Das Mittel ist sehr teuer (Apothekenpreis 145 €, bisheriger Tiefstpreis, den ich gefunden habe, 109,75), die Wirksamkeit nicht wissenschaftlich nachgewiesen, aber hier im Board nehmen es viele und sind davon überzeugt, also wollte ich es wenigstens ausprobieren. Wenn Du möchstes, dass Deine SchwiMu es halbwegs objektiv ausprobiert, dann kauf es für sie. Mein SchwiVa hat nach der ersten Packung gesagt, er hat den Eindruck, es geht ihm seither besser, aber als er den Preis gehört hat, wollte er es absetzen, glücklicherweise hat sich dann aber meine SchwiMu durchgesetzt.

Überlegt, womit Ihr Deiner Schwiegermutter eine Freude machen könnt. Packt sie nicht in Watte, achtet aber darauf, dass sie sich nicht überanstrengt. Untätig rumsitzen und grübeln ist tödlich, aber keulen, bis sie sich vor Schmerzen krümmt, ist kontraproduktiv. Verbringt Zeit mit ihr.

Ich weiß auch, wie Du Dich jetzt fühlst. Hilflos, traurig, ängstlich. Das ist auch normal und Du kannst jederzeit hier auf dem Board über Deine Gefühle schreiben. Aber zeig sie bitte nicht Deiner Schwiegermutter. Ein selbst Betroffener hat hier mal geschrieben, mit am schwierigsten bei der Krankheit sei, wieviel Leid man seinen Angehörigen verursache. Du mußt jetzt für sie stark sein.
Hier
http://www.krebshilfe.de/neu/infoang....html#ratgeber
findest Du (falls Du das nicht schon gefunden hast) eine Menge an Informationen, kannst Du bestellen oder als pdf downloaden und drucken. Und natürlich gibt es jede Menge weitere Infos im Netz. Lies alle, die für Dich relevant sind und gib das, was Du für sinnvoll hälst, weiter an Deine SchwieMu und/oder Verwandte. Bitte gib keine Infos ungelesen weiter und gib nicht alles weiter, das Du weißt. Wissen kann sehr belastend sein, ich sage selbst meinem Mann nicht alles. Mach Deiner Schwiegermutter keine Hoffnung auf Heilung, sondern auf ein möglichst langes Leben mit der Krankheit.

Fühl Dich umarmt
Ingrid
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