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Alt 28.08.2014, 00:38
datkleene datkleene ist offline
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Standard Der ewige Kampf mit der endenden Kraft

Mein Rangelei mit der Kraft begann im Sommer vor meinem 18. Geburtstag...
Ein Dienstag, ich hatte früh Schulschluss, wie jeden Dienstag.
Ich schloss die Haustür auf, rief, dass ich wieder da sei, begrüßte meine Tier und ging ins Wohnzimmer.

Mein Vater saß völlig geistesabwesend auf dem Sofa, nahm nicht einmal Notiz von mir. Er starrte auf den Fernseher und rauchte.
Ich ging am Bad vorbei, hörte wie meine Mutter sich die Haare föhnte und dachte, es sei dicke Luft...
Der Hund freute sich zumindest und so schnappte ich mir seine Leine, rief noch einmal laut "Ich geh mit dem Dicken" und gab meinen Eltern Zeit.
Ich wollte bei einem Streit nicht zu hause sein, es war sowieso klar, dass ich auf der Seite meiner Mutter stand, ich war ein Mama-Kind und immer noch scharf auf jeden Streit mit "dem Ollen".

Ich kam zurück, mein Vater saß immer noch im Wohnzimmer, rauchte immer noch und meine Mutter war immer noch im Bad.
Ich klopfte an und wollte rein und es war ABGESCHLOSSEN!
Nach meiner Magersucht war die goldene Regel in unserem Haus, dass die Badezimmertür nie wieder abgeschlossen wird.
Der Schlüssel steckte üblicherweise nicht einmal...

Jetzt bekam ich Angst! Ich böllerte laut schreiend vor die Tür, sie solle sofort aufmachen... Mein Vater weinte leise für sich im Wohnzimmer.
Und dann machte sie die Tür auf, sah mich an und sagte:
"Ich habe einen Knoten in der Brust!" und ich dachte mein Herz setzt aus...

Diagnose Brustkrebs, etwas Undefinierbares in der Gebärmutter und der Befall der Lymphen unter dem linken Arm.
Eine große OP, danach Chemo und Bestrahlung, das volle Programm.

An meinem 18. Geburtstag, ein Freitag, feierten wir ausgiebig.
Meine Mama hatte es versprochen! Sie trank ein Bier und einen Sekt mit mir.
Sie hatte an diesem Tag ihre erste Chemo bekommen.
Sie sah umwerfend aus!
Niemand sah, dass sie nur noch eine Brust hatte, niemand sagte etwas, ihre langen Haare hatte ich ihr schön gemacht.
Nur ich sah ihr Leid. In ihren Augen, in jeder Bewegung und sie wusste es. Ich sah es immer.
Die kleinste Erkältung, ein Streit, ein schlechter Tag auf der Arbeit, ich musste sie nur ansehen und wusste es.
Aber ich wusste auch, dass sie mir diesen Tag noch schenkt. Ich sollte einen wundervollen Geburtstag haben!

Nach der dritten Chemo: der erste Schock... Sie hatte sich wieder im Badezimmer eingeschlossen, weinte und schrie unverständliches Zeug.
Mein Vater, für mich immer der starke Mann, stand wie ein begossener Pudel vor der Tür.
Mich wollten beiden "da raus halten". Ich weiß es war zum Schutz, aber meine Wut darüber und mein enormer Dickschädel setzten sich durch.
Ich durfte das Bad betreten.
Und da lagen sie... Ihre Haare.
Also setzte ich sie auf die Toilette, nach den Rasierer und machte sie ab.
Wir weinten beide schrecklich, aber da mussten wir nun mal durch.
Ich setzte ihr mein Glückscap auf und sie fuhren zum "Fifi-Doktor" und meine Mum bekam eine wundervolle Haarpracht.
Problem behandelt, Mutter wieder mit Haaren, zumindest für die Öffentlichkeit, mein Vater froh, dass er irgendetwas tun konnte und ich, die in ihrem Zimmer saß und noch Stunden weinte.

Der zweite Schock: "Ich bin keine Frau mehr!"
Ich dachte ich höre nicht richtig.
Sie lebte, ihre Haare wuchsen langsam wieder und dann das!
Es gibt Sachen, die wollte ich nie wissen, ich habe sie an diesem Tag erfahren.
Und wieder stand ich da, mit dem Rücken zur Wand.
Stark sein, mit ihr reden, mit meinem Vater reden und wieder eine schlaflose Nacht.
Diese wurden häufiger, ich sah aus wie Tod auf Schluffen, selbst meine Mutter hatte eine gesündere Hautfarbe und weniger Ränder unter den Augen als ich.
Make- Up... Meine neue Wunderwaffe.

Ich schlief in der Schule ein, ich schlief im Praktikum ein, ich schlief nur nicht dann, wenn ich schlafen sollte.

Meine Mum erkannte die Depression bei sich, lies sich helfen.
Mein Vater ertränkte sie im Rotwein und ich lief weg.
Es ging ihr gut, ich musste mich nicht mehr so viel sorgen, meine Mama hatte es geschafft.
Sie fuhr mit meinem Vater in Wochenendurlaube, ich kümmerte mich weniger um den Haushalt, mehr um die Schule, ich hatte nur immer noch dieses Gefühl, dass es noch lange nicht vorbei ist.

Gerade als ich wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, mein Kopf meiner Intuition endlich klar machen konnte, dass es ihr nun schon fast 2 Jahre gut ging, kam der 3. Schock...

Knochenkrebs und ein Lebertumor... Wo war da der Gott, an dein meine Mutter so fest glauben wollte? Wollte er mich verarschen? Nein, es war ernst.

Und so baute sie ab.
Zwischen Weihnachten und Neujahr hätten wir sie fast verloren.
Aber sie war stark und kämpfte sich zurück. Zumindest zurück zu uns.
Ständige Magen-Darm-Erkrankungen laugten sie aus.

Mein Vater war inzwischen mit dem Rotwein verheiratet und ich mit meinem Handy.
Ich konnte nicht ohne weg.
Was wenn etwas war? Was wenn ich nicht rechtzeitig da sein würde? ich war alt genug, ich wusste sie würde nie wieder gesund werden.

Die Stimmung zu hause wurde unerträglich.
Monate vergingen und meine Mutter war nur noch ein Schatten ihrer Selbst und ich mit den Kräften völlig am Ende.

Schlaf war der entfernte Verwandte, der seltenst zu Besuch kam und die Angst war mein neuer, beste Freund.

Immer wenn ich versuchte abzuschalten, passierte etwas.
Immer wenn ich mich einmal auf meinen Vater verlassen wollte, war er nicht da. Aber ich wollte da sein und war es auch.

Ich kämpfte für meine Mutter, für meine Großeltern, für meine Eltern, aber nicht für mich.
Mein Leben bestand dafür aus wundervollen Tagen mit meiner Mutter.
Als ich meine Ausbildung an den Nagel hängte, wusste ich, es ist nicht mehr viel Zeit.
Und diese letzten Monate waren mein größten Geschenk von ihr.

Wir hatten das innigste Verhältnis, was es zwischen Mutter und Tochter nur gab.
Aber ich hatte eine Verantwortung.
Ich musste für sie da sein, bedingunglos. Und das war ich.
Es gab klare Regeln und trotzdem, als am Morgen ihres Todes ihre Stimme an mein Ohr drang, dachte ich, ich falle in unendliche Dunkelheit.
"Komm nach hause, ich brauche dich" mehr musste sie nicht sagen.
Ich fuhr wie eine Irre, ich durfte nicht zu spät kommen!
Ich musste bei ihr sein...
Und dann saßen sie im Wohnzimmer und tranken Kaffee! Als wäre nichts.
Und doch sah ich es.
Meine Mama schaute mich an und ich wusste, dass sie sterben wird.
Und am Abend war es auch so.

Mein Vater, völlig überfordert, ich, völlig neben der Spur und meine Mama? Erlöst. Wir waren alle auf eine grausame Art erlöst.

Es dauerte lange, aber ich lernte meinen Freund kennen... Meine Mama in männlich, von ihr geschickt, um mir einen Seelenverwandten zu geben!

Mein Vater lernte seine bezaubernde Freundin kennen, zum Glück sehr schnell, denn ich versprach meiner Mutter, immer auf meinen Vater aufzupassen.
Ich hätte dieses Versprechen um nichts in der Welt gebrochen!

Und die Kraft? Tja, sie meldete sich langsam zurück, genau wie der Schlaf und die Freude, die ich über ein Jahr fast vergessen hatte.

Endlich alleine auf eignen Beinen stehen!
Mein Auszug... Es war wundervoll und befreiend!
Das Haus, eingerichtet von meiner Mama, erbaut von meinen Großeltern, war fort. Dieser ewige, dunkle Klotz, der mich in jeder Ecke an meine Mama erinnerte, war weg.
Endlich war ich frei!

Meine Ausbildung sollte im Sommer anfangen... Mein Leben nahm wieder Form an...

Und dann? Dann tritt dir das Leben wieder mit Anlauf in den Hintern.
Meine Frauenärztin rief an. Ich solle sofort einen Termin machen, noch in dieser Woche. Die Abstriche wären nicht gut.

Also wieder hin, völlig durch den Wind, und was war es?
Natürlich, Krebsverdacht!
Konisation, wurde nicht alles entfernt, wieso auch? Man hätte ja einmal Glück haben können!!!
Re-Konisation, alles weg, aber es sah nicht gut aus.
"Gut das wir es gemacht haben" jaja, nur gut das SIE nicht in meiner Haut stecken.

Inzwischen: Vernarbungen, eventuell noch eine Konisation und ein Mann an meiner Seite, der nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

"Ich bin keine Frau mehr", oh was habe ich sie für diesen Satz gehasst. Es hörte sich an wie aufgeben.
Und jetzt?
Kann ich Kinder kriegen?
Werde ich nach einer 3. Konisation keine Schmerzen mehr haben?
Bin ich noch eine Frau?

Wie viel von meiner Mutter steckt nun in mir?
Wie viel von meinem Vater steckt in meinem Freund?

Und wieviel Kraft ist noch da?
Wieso muss ich so kämpfen?
Um einfach unbeschwert und glücklich zu sein?

Wie viel Kraft kann ich noch aufbringen, um nicht wieder da zu stehen, wo ich schon einmal stand?
An diesem Abgrund, als ich in das schwarze Nichts gefallen bin???
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Mama *7.5.1956 +16.10.2010
Wir sehen uns wieder, wenn du mich an meinem Regenbogen abbholst! Ich liebe dich!!
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