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  #1  
Alt 05.02.2018, 02:33
Däumling Däumling ist offline
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Standard Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Ihr Lieben,

heute ist wieder eine furchtbare Nacht, in der ich nicht in den Schlaf finde.

Mein geliebter Papa ist am 26.1.18 verstorben.
Ich habe ihn begleitet, und obwohl ich weiß, dass es das beste für ihn war, schmerzt es manchmal fast körperlich.

Tagsüber habe ich ganz viel Ablenkung durch meine zuckersüße Tochter (14 Monate) und viel zu organisieren (Bestattung, papierkram...) , da bin ich gut abgelenkt.
Nur ab und zu wenn die kleine wieder besonders süß ist, schießt es mir durch den Kopf: du kannst papa nie wieder „mal eben“ ein Foto schicken. Und dann kullern die Tränen.
Aber abends wenn ich im Bett liege, dann fängt das gedankenkarussell an
Warum Papa?
Warum so früh?
Hätte einmal Krebs nicht gereicht?
Warum habe ich nicht mehr Zeit mit ihm verbracht?
Wen frage ich jetzt wenn ich einen kompetenten Rat brauche?
Wer führt mich im Mai zum Altar?
Wie mache ich das mit dem Jahresabschluss für seine Selbstständigkeit?
Wie verkaufe ich sein Haus?

Wenn ich dann unter Tränen irgendwann eingeschlafen bin, träume ich von ihm.

Ich habe ganz viel Unterstützung von meinem (zukünftigen) Mann und meinen Freunden. Sie fragen viel und erinnern mich immer wieder daran, dass sie da sind. Ich kann dann auch gut mit ihnen über den Verlust sprechen, aber weinen kann ich dann nicht.

Tja und nun liege ich seit 22:30 Uhr im Bett und kann nicht schlafen... obwohl ich erschöpft bin.
Die letzten 4 Monate haben sehr an meinen (emotionalen) Kräften gezerrt.
Ein Grund der Schlaflosigkeit ist sicher, dass die Beisetzung erst in ca 2-3 Wochen ist, da das Standesamt sehr lange vraucht um den Schein auszustellen. Man ist gefangen im warten , findet keinen Abschluss und hat nichts greifbares.

Sovieles hätte ich ihm gerne noch gesagt, was mir jetzt erst einfällt.
Ich hätte öfter „ich liebe dich“ statt „ich hab dich lieb“ sagen sollen.

Ach er fehlt mir einfach so sehr !
__________________
Alles Liebe
Däumling
———————
Geliebter Papa 21.11.1956-26.01.2018
Mein tapferer Kämpfer, mein Held, mein Herz.
———————
Papa: SPRK Diagnose 09/17, OP 10/17, Bestrahlung ab 12/17, Rezidiv wuchert ins Bronchialsystem Ende Dez 17
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  #2  
Alt 05.02.2018, 09:11
Nicitzka Nicitzka ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Hallo Däumling,

es tut mir so leid, dass Du diese Zeit gerade ebenso durchleben musst!

Ja, ich glaube schlechter Schlaf ist da leider „normal“ und zu verständlich.
Gedankenkarussell und nicht zur Ruhe finden.

Diese WARUM Fragen bringen einen nicht zur Antwort und doch müssen sie gestellt werden, oft immer wieder.

Du hast ganz sicher alles erdenkliche getan, um deinen Papa zu begleiten- ganz ganz sicher!

Dass diese Gewissheit ins Herz geht, vielleicht braucht es dafür noch etwas Zeit. Mir geht es genauso. Ich denke auch oft WARUM habe ich nicht ...

Bei mir sind es andere Fragen, aber sie führen auch zu keiner Antwort.

Bei uns war die Trauerfeier auch erst 2,5 Wochen später. Das war gut so, da wir sehr viel selbst organisiert haben. Karten gestaltet, Sarg bemalt usw. haben.

Die Beisetzung steht uns noch bevor (Krematorium war erst letzte Woche).
Ich bin ebenso froh, wenn ich meiner Mama ein schönes Grab machen kann. Es gestalten kann.

Du schreibst von Dir. Was für eine Rolle spielen Deine Geschwister. Könnt ihr euch nicht etwas aufteilen? Ist das möglich?

Mir rollen die Tränen ständig plötzlich. Ich esse etwas und dann kommt nach und nach, was unwiederbringlich ist.

Viele Rezepte (meine Mutter hat wahnsinnig gut gekocht, ich kenne niemand der so gekocht hat!), Fragen, die ich heute stellen würde. Rückenstärkung, denn die gab es ja auch.

Ich vermisse sie auch oft so. Auch wenn es schwer war. Viele Jahre.
Und das macht es dazu so schlimm.

Viele Bekannte um mich rum, die fragen mich nicht mal, wie es mir geht.
Ich gehe ihnen aus dem Weg. Sie sind mir egal.
Dafür sind alte Freunde da und das tut sehr gut.

Ich sende Dir viele liebe Grüße und Kraft und Umsicht mit Dir selbst!
Nicizka
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  #3  
Alt 06.02.2018, 13:14
Däumling Däumling ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Hallo Nicizka,

danke für deine liebe Antwort.
Du hast selbst so ein großes,schweres Päckchen zu tragen ;-(

Eine Antwort auf unser „Warum“ bekommen wir sicher nicht.
Ich für mich denke, dass alles was uns und um uns herum passiert, ein Teil unseres Lebensplans ist. Alles ist eine Lernaufgabe, und somit alles für etwas „gut“. Das heißt nicht, dass es sich richtig anfühlt für uns.

Deine Frage bzgl meiner Geschwister ist schwer zu beantworten.
Meine Geschwister sind alle jünger als ich (bin 34). Jeder lebt ein bisschen in seiner eigenen Welt. Der eine hat sein Leben nicht im Griff (Alkohol, drogen) , der andere ist mit seinen 25 zwar fleissig, aber noch weit entfernt von erwachsen. Und die Mädels sind knapp über 20 und schaffen es gerade so, sich um sich zu kümmern. Im Grunde bin ich die einzige die „anders“ ist.
Deshalb hat Papa mir wohl auch alles übertragen. Er war überzeugt, dass ich stark genug bin, Vorwürfe zu überhören und im Sinne aller Entscheidungen zu fällen. Und eben auch alle seine Wünsche berücksichtige.
10 Tage ist es nun her und außer meinem einem Bruder meldet sich niemand von ihnen. Ich hab mehrfach nachgefragt wie es geht, wann sie wo dabei sein wollen... es kommt nicht wirklich was.
Sie sind wenn ich ehrlich bin momentan eher eine Last.
Aber ich komme da Papas Wunsch nach und hab ein Auge auf sie.

Wir sind alle unter sehr schwierigen Bedingungen groß geworden.
Alkohol und Jähzorn gaben bei beiden Elternteilen eine große Rolle gespielt. Schön war das nicht so aufzuwachsen.
Und trotz allem war zumindest Papa immer bemüht, alles für uns zu tun.
Er war selbstständig, hat viel gearbeitet für wenig Geld und hat trotzdem noch meine Geschwister finanziell unterstützt, obwohl er dafür oft sein letztes Hemd gegeben hat. Zurück kam da nie etwas. Das hat ihn bitter enttäuscht. Denn er war immer für uns da. Vielleicht hat man sich selten gesehen, aufgrund der Arbeit und beide seiten haben viel verpasst. Doch trotzdem wusste ich, wenn ich ihn brauche lässt er alles stehen und liegen. Genauso wie ich... meine Geschwister waren da nicht so. Sie haben viel genommen aber nicht zurückgegeben.
Ich hätte ihm so gerne noch viel mehr zurück gegeben.
So viel mehr Zeit mit uns, seinen Enkelkindern, noch schöne Dinge unternommen, zu denen er die letzten 20 Jahre nicht gekommen ist.
__________________
Alles Liebe
Däumling
———————
Geliebter Papa 21.11.1956-26.01.2018
Mein tapferer Kämpfer, mein Held, mein Herz.
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Papa: SPRK Diagnose 09/17, OP 10/17, Bestrahlung ab 12/17, Rezidiv wuchert ins Bronchialsystem Ende Dez 17
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  #4  
Alt 06.02.2018, 13:34
Clea Clea ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Liebe Däumling,

es ist jetzt fast ein Jahr her, dass meine Ma gehen musste.
Immernoch geht abends mein letzter und morgens mein erster Gedanke zu ihr.
Ich heule nicht mehr einfach bei Edeka an der Kasse einfach los- das ist tatsächlich besser geworden. Aber wenn ich Zuhause bin, allein, dann sitze ich oft düster grübelnd am Tisch und nichts kann mich ablenken.
Meine Omi ist 1999 gestorben. Ich war ihr sehr verbunden, hat sie mich als Kind doch oft betreut. Heute frage ich mich, wie die Zeit bis heute so schnell vergehen konnte, ohne sie. Es war damals auch sehr schlimm, aber wie genau es für mich war, weiß ich heute nicht mehr. Damals war ich in der Ausbildung, habe also quasi ale Erwachsene schon alles schonungslos mitbekommen und habe sie auch noch gesehen, als sie verstorben war. Das ist alles noch da, aber wie die ersten Wochen und Monate ohne sie waren, das ist weg. Vielleicht werden wir uns in 20 Jahren fragen, wie wir wohl diese schlimme Zeit erlebt haben, vielleicht liegt auch diese Zeit dann für uns im Nebel dakbaren Vergessens.
Ich kann es mir heute nicht vorstellen...
Mich fragt heute absolut niemad mehr, wie es mir mit meiner Trauer geht.
Mit zwei Kolleginnen kann ich ein wenig reden, die auch ihre Mütter verloren haben. Bei einer ist es schon 8 Jahre her. Und was soll ich sagen? Sie heult noch genauso mit.
Wie das mit dem Schlafen funktioniert, kann ich dir auch nicht hinreichend beantworten. Früher habe ich öfter, wenn ich frei hatte, sogar ein kurzes Mittagssschläfchen gemacht. Vorbei. Ich war, wenn ich Frühdienst ab 6 hatte, spätestens um 22 Uhr verschwunden. Vorbei. Ob es jemals wiederkommt? Keine Ahnung. Wenn dir was einfällt, sag mir Bescheid.
__________________
Meine Ma
17.9.1957-19.2.2017, 59 Jahre, Lungenkrebs mit Hirnmetastasen
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  #5  
Alt 06.02.2018, 13:59
Däumling Däumling ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Liebe Clea,
ich danke dir für deine Zeilen.

Es ist nun erst 10 Tage her, ich weiß aber kaum noch, was ich die letzten 10 Tage gemacht habe. Es gibt viel um das ich mich nun kümmern muss.
Und um dabei nicht unterzugehen, mache ich jeden Tag eine sache, bzw ein Telefonat. Es ist noch soviel Ungewissheit da, da vieles nicht geregelt eerden konnte vorher. Aber er hat mir diese Aufgabe übertragen und er hat sich etwas dabei gedacht.
Manchmal sitze ich hier und frage ihn im stillen „ob das so ok ist“
Manchmal entschuldige ich mich dafür, dass ich mich gerade um nichts kümmern mag und lieber mit meiner Tochter spiele.

Meine Oma (seine Mutter) starb im dezember 2009.
Bis heute vermisse ich sie sehr.
Oma und Papa hatten kein sehr inniges Verhältnis, und doch war er die letzten Jahre oftmals traurig. Nun sind sie wieder zusammen und sprechen sich vielleicht aus um dann gemeinsam auf uns aufzupassen.

Ich war noch nie eine besonders gute Schläferin, doch im Moment ist das wirklich eine Katastrophe. Immer wenn ich kurz vorm einschlafen bin, schießt mir wieder was in den Kopf. Und dann grübel ich über die blödesten Sachen nach. Eine Lösung habe ich noch nicht.... aber wenn, dann sag ich Bescheid.

Jetzt gerade liege ich auf meinem Sofa und schaue aus dem Fenster.
Die Sonne scheint, der Himmel ist blau.
Aber ich mag nicht rausgehen.
__________________
Alles Liebe
Däumling
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Geliebter Papa 21.11.1956-26.01.2018
Mein tapferer Kämpfer, mein Held, mein Herz.
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Papa: SPRK Diagnose 09/17, OP 10/17, Bestrahlung ab 12/17, Rezidiv wuchert ins Bronchialsystem Ende Dez 17
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  #6  
Alt 06.02.2018, 18:01
Clea Clea ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

"Langgestreckt auf meiner Pritschenwagen starre ich an die graue Wand.
Draußen geht ein Sommerabend, der mich nicht kennt, singend ins Land."
So beschreibt Dietrich Bonhoeffer sein Leben im KZ.
Eingesperrt, während es draußen schön ist und das Leben einfach weitergeht.
So fühle ich mich oft, auch wenn die Situationen natürlich gar nicht vergleichbar sind.
Trotzdem fühle ich mich oft eingesperrt. In mir selbst, in meinem Kummer.
Und alle anderen schwimmen einfach weiter.
Ich versuche das auch, nur kommt es mir oft vor, als könnte ich strampeln wie ich wollte, ich komme einfach nicht vorwärts.
Oft frage ich mich, wird das jetzt eine Depression, oder gehört das zur normalen Trauer? Gelernt habe ich in der Ausbildung, dass es bis zu zwei Jahre dauern kann.
Also dann, auf in den Kampf!
__________________
Meine Ma
17.9.1957-19.2.2017, 59 Jahre, Lungenkrebs mit Hirnmetastasen
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  #7  
Alt 07.02.2018, 20:52
Däumling Däumling ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Ja, auf in den Kampf.
Eine weitere fast schlaflose Nacht habe ich hinter mir.
Soviele Gedanken um das was noch zu tun ist...

Heute haben wir den Entwurf für die Zeitung geschrieben.
Erst saßen mein Bruder und ich recht ratlos da.
Wie macht man sowas?
Wir haben uns dann für einen Spruch entschieden, den wir Geschwister seit Papas Tod als Profilbild haben.
Etwas gemeinsames.
Dann noch ein wenig Bewunderung für seinen tapferen Kampf.
Die Bestatterin ist eine ganz liebe.
Sie kennt uns, das macht es ein bisschen einfacher, nicht ständig in Tränen auszubrechen.
Leider dauert es noch ca 14 Tage bis der totenschein ausgestellt ist. Also ist Ende Februar wohl die Beisetzung.

Momentan habe ich oft das Gefühl, ich funktioniere einfach.
Und ich habe ein bisschen angst vor dem was passiert, wenn die Beisetzung war.

Ach mein lieber Papa... ich vermisse dich.
__________________
Alles Liebe
Däumling
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Geliebter Papa 21.11.1956-26.01.2018
Mein tapferer Kämpfer, mein Held, mein Herz.
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Papa: SPRK Diagnose 09/17, OP 10/17, Bestrahlung ab 12/17, Rezidiv wuchert ins Bronchialsystem Ende Dez 17
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  #8  
Alt 13.07.2018, 00:41
Däumling Däumling ist offline
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Registriert seit: 01.01.2018
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Standard 6 Monate später

Ihr Lieben,
auch wenn ihr jeder euer eigenes schweres Päckchen zu tragen habt, möchte ich mich an euch wenden.
Vielleicht erinnert sich jemand an den kurzen Leidensweg meines Papas.
Diagnose Speiseröhrenkrebs im September 2017, gestorben ist er am 26.01.18
Ein halbes Jahr ist es nun her.
Ein halbes Jahr, in dem das Erbe auf mir lastet.
Soviel anzugehen, und alles schiebe ich vor mir her. Ich bewege mich in mini Schritten. Ich schlafe schlecht, oft viel zu spät, so wie heute.
An manchen Tagen komme ich überhaupt nicht „aus‘m Knick“
Ich künmere mich zwar um Haushalt und Kinder aber ich scheue Verabredungen, sage sie oft im letzten Moment ab.(abgesehen von 2 Freundinnen)
Ich mag nicht sprechen. Auch nicht über alltägliches. Ich mag einfach nur meine Ruhe.
Ich weine wenig. Nicht, weil mein Papa mir nicht fehlt. Im Gegenteil. Aber ich kann einfach nicht.
Liegt es daran, dass ich mein ganzes Leben stark sein musste und nie gelernt habe, trauern zu dürfen? Dabei habe ich einen tollen Mann mit tollen Schwiegereltern. Wunderbare Kinder. Ich bin nicht alleine. Und doch irgendwie einsam.
Ich bin müde, erschöpft, ausgelaugt, kraftlos, werde immer schmaler, obwohl ich esse.
Soviel ist schon passiert in diesem Jahr. Zuviel? Mehr als ein Mensch tragen kann?

Heute habe ich mich das erste mal gefragt, ob das der Anfang einer Depression ist.
Oder steckt etwas anderes dahinter?

Ich bin ratlos. Drehe mich im Kreis und weiß gar nicht so recht, was ich hören möchte.
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Alles Liebe
Däumling
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  #9  
Alt 13.07.2018, 08:45
monika.f monika.f ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Liebe Däumling,

ich schreibe jetzt wieder mal als Angehörige statt als Betroffene. Meine Mutter ist Ende November 208 5 Monate nach Diagnose Gallengangskarzinom gestorben, während ihrer Erkrankung war mein Vater gleichzeitig krank, teilweise mit ihr zusammen auf dem Zimmer, teilweise ganz woanders in Kliniken.

Ich habe in Erinnerung, dass ich immer nur hin und her gefahren bin zwischen meiner Mutter, meinem Vater und meiner eigenen Wohnung, alles ca. 200 km voneinander entfernt. Mit Ärzten reden hier und dort, alles organisieren. Und dann das 'Ergebnis', dass meine Mutter doch gestorben ist und mein Vater 10 Wochen nach ihr.

Also ich kann verstehen, dass Du Dich ausgelaugt fühlst, und ein halbes Jahr ist keine Zeit, um sich erholen zu können. Bei mir hat es Jahre gedauert, und ich bin immer noch nicht mit allem fertig. Psychologische Unterstützung hatte ich, würde ich Dir auch empfehlen, aber das macht ja nichts ungeschehen. Praktische Unterstützung hatte ich durch meinen (jetzigen) Mann und meinen Freundeskreis, dafür bin ich sehr dankbar. Es bleibt aber dennoch viel an einem selber hängen.

Gib Dir doch einfach Zeit, das wäre mein Vorschlag. Wenn Du Deine Ruhe haben willst, dann sag das den anderen. Ich denke, das wird jeder verstehen. Das mit dem Weinen ist so eine Sache, ich konnte und kann es auch nicht so richtig. Du kannst nichts erzwingen.

Aber pass auf Dich auf! Das habe ich nicht gemacht, bin in längst vergangene ungesunde Muster verfallen und hatte 2013 selbst meine erste Krebsdiagnose, mit 53, also viel früher als meine Mutter. Letztes Jahr dann im Oktober 2017 der Speiseröhrenkrebs, wie Dein Vater Plattenepithelkarzinom, allerdings hatte ich keine Komplikationen bei der Operation. Die letzten Monate war ich quasi gezwungen, mich nur um mich zu kümmern, hätte keine alten Eltern betreuen oder für Kinder da sein können. Da frage ich mich manchmal, musste es so weit kommen? (Es ist nun mal umstritten, welche Rolle die Psyche bei der Krebsentstehung spielt.)

Liebe Grüße,

Monika
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  #10  
Alt 20.07.2018, 10:19
Positiv_Denken Positiv_Denken ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Es tut mir sehr leid dass es Dir so schlecht geht.
Monika hat Dir ja schon Psychologische Unterstützung vorgeschlagen. Ich finde das durchaus sinnvoll. Ich hatte vor vielen Jahren mal eine leichte Depression. Eine Psychotherapie war für mich damals das beste was mir passieren konnte.

Ich persönlich werde zu dem Hypnosetherapeuten meiner Mutter gehen. Da habe ich mich im Gespräch so gut aufgehoben gefühlt.
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  #11  
Alt Gestern, 00:18
Däumling Däumling ist offline
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Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Danke für eure lieben Worte.
Ich bin noch nicht bereit, Hilfe anzunehmen.
Ich komme da ganz nach meinem Papa. Ich will das alleine schaffen. Ich habe immer alles alleine geschafft. Ich kann das alleine schaffen.
Nicht ganz alleine natürlich. Ich habe einen tollen Mann, tolle Freunde. Aber niemand der so einen wichtigen Menschen verloren hat, kann diese Gefühle nachvollziehen.
Einzig mein bester Freund verlor seinen Vater ebenfalls und weiß wie sich das anfühlt. Und was das in einem anrichtet. Und eben auch das ein „das wird schon wieder“ nicht hilft. Es wird nicht wieder. Es wird nicht wieder wie es war. Papa kommt nicht zurück.


Ich bin momentan in einer anderen Trauerphase wie es scheint.
Bei bestimmten Tätigkeiten sehe ich bestimmte Orte aus der Zeit wo ich Papa im Krankenhaus besuchte.
Zb wenn ich an der Nähmaschine sitze. Immer wenn ich eine Naht setze, sehe ich den einen Flur der Klinik wo er von dem Beatmungsgerät entwöhnt wurde.
Immer wenn ich in mein auto steige sehe ich einen bestimmten straßenabschnitt den ich fuhr wenn ich zu ihm in die klinik fuhr.
Wenn ich in mein Portemonnaie sehe, sehe ich mich in der Cafeteria stehen, 2 coffee to go holen, die Bildzeitung schon in der Handtasche.
Usw.

Manchmal frage ich mich:
Hätte ich etwas anders machen können?
Hätte ich mehr für ihn machen können?
Habe ich in seinem Sinne entschieden?
Hätte ich noch öfter fahren sollen? Nicht 4 mal die Woche sondern täglich?

Ich hätte viel früher viel mehr machen müssen. Für ihn, mit ihm... wenn er es doch nur zugelassen hätte.
Nun hab ich noch soviel Liebe für meinen Papa übrig und kann sie ihm nicht mit auf den weiteren Weg geben.
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Däumling
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Geliebter Papa 21.11.1956-26.01.2018
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Papa: SPRK Diagnose 09/17, OP 10/17, Bestrahlung ab 12/17, Rezidiv wuchert ins Bronchialsystem Ende Dez 17
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  #12  
Alt Gestern, 06:21
fluturi fluturi ist offline
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Beiträge: 285
Standard AW: Wenn ich doch nur schlafen könnte...

Liebe Däumling,

diese Phase kenne ich auch. Manchmal schießt mir eine Szene in den Kopf und katapultiert mich komplett zurück. Das ist für mich immer sehr schmerzhaft. Aber ich will das auch nicht verlieren. Ich hab das Gefühl, dann verliere ich ihn noch mehr.

Mein Papa ist fast genau ein Jahr vor deinem gestorben. Ich habe inzwischen Phasen, da lebe ich ohne durchgehend diese riesige Last zu spüren. Aber genauso habe ich Phasen, in denen ich an nichts anderes denken kann.
__________________
Die höchste Form der Hoffnung ist die überwundene Verzweiflung. - Albert Camus
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