Krebs-Kompass Forum  


Zurück   Krebs-Kompass Forum > Krebsarten > Lungenkrebs

Thema geschlossen
 
Themen-Optionen Ansicht
  #16  
Alt 06.05.2010, 23:44
Antiironie Antiironie ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 11.07.2009
Ort: Nordsee
Beiträge: 342
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Wow, was für eine Geschichte. Da hat dein Gefühl dich wohl nicht getrogen. Wenn ich sowas lese krieg ich Gänsehaut. Und ich muss sagen, da hast du aber wirklich dusel gehabt.
Was sagt uns das? Genieße das Leben jetzt!

LG ANJA
__________________
Mama 09.2006 kleinzelliges Bronchialkarzinom seit 03.2007 krebsfrei
Papa 03.2008 kleinzelliges Bronchialkazinom, 10.2008 Hirnmetastasen - gestorben Juli 2009
  #17  
Alt 11.05.2010, 20:23
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo zusammen,

gestern begann ich meinen dritten Zyklus Chemotherapie. (Cisplatin und Etoposid). Mein Internist überraschte mich am Montag mit der guten Nachricht, dass die beiden bei mir entscheidenden Leberwerte bei der letzten Blutuntersuchung am 3.5. auf Normalniveau gesunken waren (GPT vorher über 220, jetzt 37, LDH 745, jetzt 181). Ich habe neben dem Lungentumor noch zahlreiche Lebermetastasen, die schon zu deutlichen Leberfunktionsstörungen geführt hatten.

Für mich nach nur zwei Zyklen ein schöner Befund, der aber nicht ganz überraschend kam, weil ich das in den letzten beiden Wochen deutlich schon gespürt hatte, dass die Leber wieder gut arbeitet. Das alles sind Indizien, dass die Chemotherapie schon in kurzer Zeit deutlich anschlägt. Es folgen ja noch vier Zyklen.

Morgen und Freitag kommen noch Infusionen mit Etoposid und am kommenden Montag nochmal Cortison / Cisplatin, und dann habe ich die Zwischenauswertung und Pause.

Schöne Grüße
Ecki
  #18  
Alt 14.05.2010, 15:15
Verena52 Verena52 ist offline
Neuer Benutzer
 
Registriert seit: 14.05.2010
Beiträge: 8
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Ecki,
erstmal... schön zu lesen, das die Chemo gut anschlägt bei dir.

Auch ich habe diesen Kleinzeller, ja das kann einem schon Angst machen.
Bei mir wurde es im Sept. 2009 festgestellt

Nach den ganzen üblichen Untersuchungen ( die kennst du sicher auch wohl) folgten:
Erste Chemo - 4 Zyklen - Sept 09 - Dez 09: Doxorubicin HCL / Cyclophosphamid / Vincristin
Danach Pause und Ende Jan 10 = 33 Bestrahlungen.

Danach sollten dann 15 x Kopfbestrahlungen folgen, die aber von meinem Radiologen abgesagt wurden, da sich 2 Metastasen in der Lunge gebildet haben.
Nun bekomme ich vorerst 3x Chemo: Cisplatin / Etoposide
Zwei habe ich hinter mir, die dritte ist in 3 Wch. Wenn danach im Ct alles "ok" ist werden 15 Kopfbestrahlungen gemacht.
Na schauen wir mal ...

So das wär`s erstmal von mir, liebe Grüsse an dich

Verena

Geändert von Verena52 (07.06.2010 um 08:00 Uhr)
  #19  
Alt 14.05.2010, 18:56
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Verena,

herzlichen Dank für Deine Antwort, ich freue mich, hier auf eine Leidensgenossin zu stoßen, die selbst ähnliches erfahren hat. Das gibt mir das Gefühl, nicht ganz allein zu sein.

Heute morgen hatte ich wieder 340 mg. Etoposid bekommen und fühle mich z.Zt. etwas schlapp.

Der "Kleinzeller" ist in der Tat ein ganz heimtückischer Krebs (bei mir, wenn ich mir das richtig notiert habe T4 cN0 M1 G3). Der Primärtumor sitzt in der linken unteren Lunge. Chemotherapie wirkt bekanntermaßen gut, aber natürlich steckt mir die Angst vor Rezidiven in den Knochen, und es tut mir weh, wenn ich an meine Familie und unsere drei Kinder denke. Wie ich selbst den Diagnoseschock erlebt habe und mit meiner Krankheit umgehe, habe ich in meinem Radiobeitrag beschrieben, auf den ich im Thread "Buchtipps zum Thema Lungenkrebs" vor kurzem hingewiesen habe.

Du hast ja auch schon einiges durchgemacht und hast auch schon weitere Enttäuschungen hinnehmen müssen. Darf ich fragen? Wie hast Du das hingenommen, als Du von den Metastasen in der Lunge erfuhrst? Ich stelle mir das als herbe Enttäuschung vor!

Sind die vorgesehenen Kopfbestrahlungen die sogenannte vorbeugende Hirnbestrahlung zur Eindämmung von Hirnmetastasen?

Liebe Grüße
Ecki
  #20  
Alt 17.05.2010, 09:27
Verena52 Verena52 ist offline
Neuer Benutzer
 
Registriert seit: 14.05.2010
Beiträge: 8
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Guten Morgen Ecki,

ja trotz Menschen um einen herum die versuchen zu verstehen, fühlt man sich doch schon irgendwie allein damit. Und im Grunde genommen ist man es wohl auch, wirklich helfen kann einem da niemand. Ausser die Medikamente, wo man hofft, das sie anschlagen... und man selbst...

Ja die Therapie schafft einen, ich fühle mich dadurch auch schlapp und immer sehr müde und man kann garnicht mehr viel tun.
Z.B. im Garten rten wie ich gestern wieder feststellen musste. Naja wenn`s "nur" das ist... ich hoffe ich behalte bei Allem die Kraft, um zu kämpfen....

Der "Kleinzeller" ist in der Tat ein ganz heimtückischer Krebs (bei mir, wenn ich mir das richtig notiert habe T4 cN0 M1 G3). Der Primärtumor sitzt in der linken unteren Lunge. Chemotherapie wirkt bekanntermaßen gut, aber natürlich steckt mir die Angst vor Rezidiven in den Knochen, und es tut mir weh, wenn ich an meine Familie und unsere drei Kinder denke. Wie ich selbst den Diagnoseschock erlebt habe und mit meiner Krankheit umgehe, habe ich in meinem Radiobeitrag beschrieben, auf den ich im Thread "Buchtipps zum Thema Lungenkrebs" vor kurzem hingewiesen habe.

Jipp dieser Kleinzeller ist ein Mistvieh - Bei mir sitzt/saß der Primärtumor an den Lungenwurzeln - da kam mir der Film: Alien - mit Sigourney Weaver in den Sinn... mein Tumor mitten in der Brust... so wie im Film .. wenn das Alien aus der Brust reisst ... Aber ich habe nicht vor ihm mein Haus zu überlassen, es gehört mir, das Mistvieh soll verschwinden.

Die Beschreibung im Radiobeitrag finde ich nicht...

Ja die Angst vor Rezidiven und ach so viele Ängste manchmal.
Ich glaube es ist besser keine Angst zu haben, weil Angst/Ängste nur schwächen.
Man kann eigentlich nur immer einen Tag leben/erleben... Und man hat immer die Wahl - Man kann lachen oder weinen... Ist es nicht besser und vorteilshafter bei dieser Krankheit - zu lachen?
Wenn / falls einem nur noch wenig Zeit bleibt.. dann sollt man sie geniessen mit allem was schön ist ...
Ob nun mit oder ohne solch`eine Krankheit... man weiss doch nie wann man diese Welt verlassen muss.

Natürlich hab`auch ich Zeiten - aber nur ganz kurz noch - wo mir dir Tränen kommen, ich wisch sie dann weg, weil sonst kann ich ja die Sonne nicht sehen


Darf ich fragen? Wie hast Du das hingenommen, als Du von den Metastasen in der Lunge erfuhrst? Ich stelle mir das als herbe Enttäuschung vor!

Tja wie?
Eigentlich war ich beim Radiologen zur Besprechung und es sollte die Maske für die Kopfbestrahlung angefertigt werden und es sollte weitergehen mit der Behandlung. Und dann wird alles gestoppt VOM RADIOLOGEN.... Er sagt mir da sind Metas. Die Metas waren schon der Hammer aber noch mehr, das ... meine Ärzte mich so ins offene Messer laufen lassen, sie sind die Ersten, die die Befunde haben / sehen, warum die ganze Tortour zum / beim Radiologen ... die Hoffnung, es geht weiter / aufwärts.... und dann sowas.

Ja es fühlte sich an wie ein Messer, ich klappte zusammen in der Praxis und ich hielt es nicht mehr aus da und verliess den Raum ...Dachte, wenn trotz Chemo / Bestrahlungen dieses Mistvieh weiterwächst und streut... wozu dann das alles.... diese Quälereien, was sind das für Aussichten, ist das noch Leben? etc etc etc
Ich habe mir dann eine andere Ärztin gesucht etc.


Sind die vorgesehenen Kopfbestrahlungen die sogenannte vorbeugende Hirnbestrahlung zur Eindämmung von Hirnmetastasen?

Soviel ich weiss kommt die Chemo nicht in das Gehirn und es wird vorsorglich bestrahlt, da dieser Krebs in den Kopf streuen wird. Ist bei dir keine Kopfbestrahlung vorgesehen?

http://www.handelsblatt.com/technolo...engern;1310217

So nun hab ich soviel geschrieben ich schwirr dann erstmal wieder ab.

Hoffe dir geht es gut trotz Chemo und du kannst heute bei dem schönen Wetter etwas schönes Unternehmen mit deiner Frau und den Kindern

Sonnige Grüsse
Verena
  #21  
Alt 17.05.2010, 13:31
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Verena,

vor einer Stunde bin ich nach Hause gekommen von den letzten Infusionen des dritten Zyklus (Cisplatin) und noch etwas benommen, da lese ich Deine Antwort.

Allein? Mit der Familie bin ich das sicher nicht. Ich bin auch heilfroh, dass es Ärzte und medizinische Fachangestellte gibt, die sich um uns bemühen, und uns soviel wie möglich an Leben noch ermöglichen wollen. Wenn es das nicht gäbe, sähe es in der Tat sehr finster aus, und ich wäre wohl jetzt nicht mehr am Leben.

Den dritten Zyklus habe ich bisher relativ gut vertragen, ich bin jeden Tag auf den Beinen gewesen, habe zum Teil lange Spaziergänge gemacht und bin sogar zweimal auf dem Ergometer gewesen. Manchmal zwinge ich mich auch dazu, auf den Beinen zu bleiben, weil ich Angst habe, sonst zu sehr "abzuklappen". Ansonsten spielt mein Appetit verrückt: ich kann z.B. kein Brot sehen oder riechen. Aber wenn's nur das ist!? Jetzt habe ich erstmal wieder zwei Wochen Pause und dann folgt die Zwischenauswertung.

Kleinzeller und Alien - toller schauerlicher Vergleich. Alien fand ich einfach nur widerlich. Aber das passt. Und das mit Deinen Metas und der Bestrahlung ist ja auch eine schauerliche Sache. Bei mir wird erstmal die Chemo zu Ende gemacht, und wenn die erfolgreich ist, wird über Kopfbestrahlung nachgedacht. Deutlich kritischer übrigens zur Kopfbestrahlung als der Handelsblatt-Artikel ist dieser Beitrag:

http://www.lungenaerzte-im-netz.de/l...=913&nodeid=18

Die Ängste sind bei mir immer im Hinterkopf, aber es ist auch eine ganze Menge Trotz bei mir: ich will mich nicht unterkriegen lassen. Und gelacht wird auch trotzdem viel. Ich brauche das. Sicher sage ich mir auch: ich muss mich mit dem Tod auseinandersetzen, und jeder, der ernsthaft mit seinem Tod rechnet, muss sich ihm stellen - früher oder später. Auf dem Grund jeder Angst vor Rezidiven, vor Metas etc.) liegt immer die Angst vor dem Tod.

Von Martin Luther King ist der schöne Satz überliefert, "in dem Moment, in dem ihr die Furcht vor dem Tod überwindet, seid ihr frei". Und das glaube ich auch. Ich hatte das Glück in meinem Leben, mehrfach mit Menschen reden zu dürfen, die eine tiefe Nahtoderfahrung hatten. Mehr als die inhaltlichen Schilderungen hatte mich vor allem berührt, wie diese Menschen über den eigenen Tod reden: völlig angstfrei, geradezu heiter. Wenn man so etwas einmal bei einem Gegenüber erlebt hat, vergisst man das nie. Schon der Gedanke, dass so etwas möglich ist, hat etwas Tröstendes und färbt vielleicht auch etwas ab. Wenn es klappt, möchte ich nächste Woche ein paar Tage ins Kloster, um mir einfach in der Abgeschiedenheit Zeit zu nehmen, mich innerlich zu präparieren. Ich will sozusagen den Stier bei den Hörnern packen.

Gottseidank scheint draußen die Sonne, und die Temperaturen hier in Braunschweig steigen auf über 15°C - ich freue mich ja schon über solche Lichtblicke.

Beste Grüße
Ecki
  #22  
Alt 17.05.2010, 14:50
Verena52 Verena52 ist offline
Neuer Benutzer
 
Registriert seit: 14.05.2010
Beiträge: 8
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Ecki,

ja die Ruhepausen zwischen den Chemos braucht man auch. Nun machen sie mir auch keine Angst mehr, wie zu Anfang, ich dachte wenn so lange Pausen... dann wächst der weiter...
Und natürlich die Bewegung, soweit man es kann. Ich halte mich auch viel in der Natur auf ... Wald, Parks, Meer... auch wenn`s manchmal schwerfällt, man darf sich nicht hängen lassen. Das Leben ist (egal ob mit oder ohne KH) zu wertvoll.

*grins* Ja der Appetit - der Geschmack - Owei Brot, ja das kann ich weder riechen noch essen, letztens im Laden wurde ein Biobrot/Graubrot vorgestellt zum selber backen, das ging .... habe mir gleich ne Pckg. mitgenommen. Aber kann auch sein, wenn ich es dann backe, das es dann auch wieder nicht schmeckt. Es ändert sich mit jeder Chemo bei mir
Ansonste esse ich dann von dem was schmeckt eben viel ... um nicht wieder soviel abzunehmen und man braucht ja alle Kraft was man bekommen kann.

Schön zu lesen das du / ihr viel lacht. Und mit Kindern gibt es sowieso immer viel zu lachen - es sind so tolle Wesen. Geht mir zumindest so...

Jipp, ich bin auch "trotzig" naja eben eine Kämpfernatur, dachte mal zwischendurch, evtl. hat "Gott" mir die KH gegeben weil er mich kennt und weiss ich bin stark genug es zu tragen, viele schaffen es nicht so... leider.
Wer weiss schon warum dieses oder jenes einen trifft.

Ja der Martin ... Ich denke auch so... Der Tod macht mir keine Angst.
Eher das Sterben...
Ja ich kenne solche Geschichten (Nahtod) auch, durch lesen etc. und ich glaube Tod ist nicht so schlimm und ich glaube nicht das mit dem Tod alles zuende ist.
Ich hab auch schon Dinge erlebt, die eigentlich unmöglich sind oder wo andere sagen ... Spinnerei, aber mir wurscht... ich verlasse mich auf mich ...
Naja ein Thema für sich, aber ein schönes Thema.

Na dann wünsche ich dir, das es klappt mit dem Kloster, das ist ein guter Ort um ganz bei sich zu sein...

Hm das mit meinem Bild zu den Lichtblicken klappt nun nicht... ok muss ich noch üben ...

hm ich könnte immer so viel schreiben aber gut nun erstmal wieder ..

Liebe Grüsse
Verena
  #23  
Alt 18.05.2010, 20:44
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Gabi-Diana, hallo Verena,

ja der Beinahe-Unfall und seine Vorgeschichte haben mich sehr erschrocken.

Nach einer zusätzlichen Chemofreien Woche waren die Blutwerte am 10.5. wieder so gut, dass der nächste Zyklus starten konnte. Ich hatte die ganze Woche hindurch an jedem Werktag Infusionen, beginnend mit 100 mg. Cisplatin am 10.5, dann fortlaufend 340 mg. Etoposid an den nächsten Tagen und gestern zum Abschluss wieder 100 mg. Cisplatin. Jetzt habe ich erstmal wieder zwei oder drei Wochen chemofreie Zeit, die genieße ich, und dann kommt die Zwischenauswertung. Danach wird entschieden, wie es weitergeht.

Mit dem Kloster klappt es vielleicht am Freitag. Aber jetzt will ich erstmal vom PC weg und draußen noch eine Runde spazierengehen. Das muss sein.

Beste Grüße
Ecki
  #24  
Alt 19.05.2010, 11:23
Mariesol Mariesol ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 18.05.2009
Beiträge: 1.141
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Lieber Ecki,

Deine Geschichte hat mich berührt und nachdenklich gemacht.
Auch das zitat von Martin Luther King.
Die Diagnose Krebs versetzt uns in Angst und Schrecken...es wird uns so schmerzlich bewusst das unser aller Leben endlich ist...
Du hast es auf den Punkt gebracht...jeder Tag, jede Fahrt mit dem Auto kann Unheil bringen...gut, dass wir alle nicht um das wie und wann wissen...carpe Diem..."pflücke" den Tag! Gib jedem Tag die Chance Dein schönster zu sein.
Viele ganz liebe Grüße von Mariesol
  #25  
Alt 20.05.2010, 09:52
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Liebe Mariesol,

der Tod kann uns jeden Tag treffen, das wissen wir abstrakt, und darauf sollten wir uns ja einstellen. Aber das abstrakte Wissen darum verführt viele Menschen dazu, den Tod in weite Ferne, auf den St. Nimmerleinstag zu schieben und sich selbst die Illusion einer heilen Welt vorzugaukeln, mit der es sich ja angenehm zu leben lässt.

Wir Lungenkrebspatienten sehen den Tod sehr viel konkreter vor Augen. Jede enttäuschende Diagnose, jeder Schmerz, jede Verschlechterung macht uns deutlich, dass die verbleibende Lebenszeit sehr viel begrenzter ist. Und es gibt dann ja auch soviel zu betrauern: der Verlust an Lebensmöglichkeiten oder "alt und lebenssatt" zu werden. Die Trauer um die eigene Lebensgeschichte, die so plötzlich an Grenzen kommt. Die Sorge, wie es mit der eigenen Familie weitergeht und sovieles mehr.

Bei mir (ich bin übrigens ev. Pastor von Beruf) merke ich, dass das die entscheidenden Fragen sind. Und je ehrlicher und offener ich das konkrete Lebensende in meine Überlegungen mit einbeziehe, umso ruhiger werde ich. Es ist ja alles Neuland für mich, auch wenn ich das alles bei anderen schon zigfach miterlebt habe. Aber ich möchte eben auch wissen: wie ist es, wenn es in die Sterbephase geht? Werde ich einen bitteren Todeskampf haben und nicht loslassen können? Oder werde ich in Frieden sterben? Wer oder was erwartet mich danach? Kann ich darauf hoffen, bei guten Mächten wunderbar geborgen zu sein?

Mein Lieblingstext in der Bibel sind die Worte, die Jesus kurz vor seinem eigenen Tod an seine Jünger richtet. Er verabschiedet sich von seinen engsten Weggefährten, aber er tut es so, dass er sie zugleich auf das vorbereitet, was danach kommt:

Jesus sprach zu ihnen: "Ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verkehrt werden. Wenn eine Frau gebiert, hat sie Wehen; denn ihre Stunde ist gekommen. Doch wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Not zurück vor der Freude darüber, daß ein Mensch zur Welt gekommen ist. So kommt jetzt der Schmerz auch über euch. Aber ich werde euch wiedersehen, und dann wird euer Herz sich freuen, und diese Freude vermag euch niemand zu nehmen." (Johannes 16,20-22)

Jesus spricht von einer Trauererfahrung: offen nennt er Abschied, Schmerz und Traurigkeit, die seine Weggefährten erleben werden. Jesus deutet aber seinen Tod als Übergangserfahrung, indem er auf die andere große Übergangserfahrung verweist, die jede und jeder von uns schon "durchgemacht" hat: die Geburt. Dann aber verschiebt sich die Perspektive, er schildert die Geburt aus der Sicht der gebärenden Mutter, die uns hervorgebracht hat, und bezieht die ekstatische Freude der Mutter über das neugeborene Wesen auf seine Weggefährten selbst, die nach der Geburt des Gottessohnes in der Auferstehung diesen neu erfahren werden: Unzerstörbare Osterfreude erwacht im Wiedersehen. Ob Jesus von den Auferstehungserfahrungen der Jünger spricht oder von dem Wiedersehen mit ihm in ihrem Tod, bleibt hier in der Schwebe. Vielleicht ist beides gemeint. Für mich aber ist klar, ich breche auf zu einer wahrhaft ungeheuren Reise – hoffentlich später als eher. Am Anfang Ungewissheit, Schmerz und Angst. Am Ende steht die Wiedersehensfreude, mit ihm, dem Auferstandenen, und in ihm mit allen jenen, die sich von ihm zu ihm ziehen lassen haben. Das ist mein Glaube, und das ist meine Hoffnung.

Eigentlich will ich keine langen Emails schreiben, diese hier ist nun aber doch furchtbar lang geworden. Entschuldigung, wenn es eine Zumutung ist.

Beste Grüße
Ecki
  #26  
Alt 20.05.2010, 10:20
Benutzerbild von Blume68
Blume68 Blume68 ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 27.03.2008
Beiträge: 1.794
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Lieber Ecki,

ich lese seit ein paar Tagen mit bei dir, und möchte dir wie Mariesol sagen,
dass deine Worte, deine Einstellung mich sehr berührt haben.

Ich empfinde es überhaupt nicht als Zumutung, etwas länger bei oder von dir zu lesen. Im Gegenteil.
Erlebnisse auch in meinem Leben (bin Hinterbliebene, aber habe auch vor diesem Verlust liebe Menschen gehen lassen müssen) haben mir über die Jahre immer bewusster gemacht, wie schnell sich Lebensumstände ändern können, wie kostbar, aber auch endlich ein Menschenleben ist. Das muss nicht nur durch eine schlimme Krankheit sein. Dein Glaube hilft dir sicher, dich deiner Krankheit mutig zu stellen, ohne dir etwas schönzureden. Dennoch klingt unheimlich viel Zuversicht durch, wenn du schreibst.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen", ist auch einer meiner Lieblingstexte. Es tröstet so sehr. Ich wünsche dir, dass du weiterhin diese Ruhe und Zuversicht behältst, und dass es dir noch sehr lange gut geht, so gut wie irgend möglich mit dieser Krankheit. Ich freue mich, dich weiterhin hier lesen zu können.

Ganz liebe Grüße
von Blume
__________________
In uns allen findet sich die Quelle höchster Weisheit -
die Quelle der Liebe.
(Thich Nhat Hanh)
  #27  
Alt 20.05.2010, 11:53
Mariesol Mariesol ist offline
Registrierter Benutzer
 
Registriert seit: 18.05.2009
Beiträge: 1.141
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Lieber Ecki,

Deine Worte sind absolut keine Zumutung, sondern wohlüberlegte und sehr wohltuenede Zeilen.
Ich selbst bin evangelische Christin und habe versucht bei den für mich zuständigen "Sellsorgern" ähnliche Worte wie Du sie schreibst zu bekommen.
Ich habe letztendlich bei unserem katholischen Pfarrer...der irgendwie nicht so recht für mich zuständig ist viel Trost und Zuspruch gefunden...hab mir gedacht...ist eh egal wer mir geschickt wird..hauptsache es "passt"!
Dieser Pfarrer hat mir am Nikolaustag einen Schokonikolaus geschenkt und ein Büchlein über den Nikolaus von Myra. Ich habe mich unglaublich darüber gefreut...die Schokolade nicht gegessen und immer wieder in diesem Büchlein gelesen. Es hat mich getröstet und es hat mich erfreut...in einer Zeit, in welcher mein Herz so eng war.
Ich hatte Angst und mein Vater hatte Angst...wenn ich es ganau betrachte, war es nicht die Angst vor dem wann sondern vor dem wie....und ich glaube diese Angst teile ich mit sehr vielen Menschen..egal ob krank oder gesund.
Was ich sehr tröstend und als überaus hilfreich empfand, war der Zuspruch hier aus dem Forum. Worte von Menschen die nicht "wie der Blinde von der Farbe" sprach...von Menschen denen meine Ängste nicht fremd waren...die immer wieder eine Option für mich bereit hielten.
Ich weiss nicht wie lange ich noch in diesem Forum schreiben werde. Alles hat seine Zeit...Der eine braucht es länger der andere kürzer.Erhobene Zeigefinger, verschrecken und sind hier nicht gefragt...drum lese ich gerne in Fäden wie in Deinem...Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute Mariesol
  #28  
Alt 20.05.2010, 12:03
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo zusammen,

herzlichen Dank für diese lieben Rückmeldungen. Ich bin gewarnt worden vor den Krebsforen, es sei alles da so schrecklich und entmutigend, was da zu lesen sei. Ich habe deswegen längere Zeit einen Bogen darum gemacht. Aber der Mut, mich hier anzumelden kam erst, als ich auch den Mut hatte, meine schriftlichen Befunde einzusehen und zu akzeptieren, wie ernst meine Erkrankung ist. Ich konnte mich nur in Häppchen und tastend annähern.

Es erschüttert mich natürlich, wenn ich hier lese, wie es vielen Anderen ergeht. Aber es gibt hier eben doch auch ein tiefes Mitempfinden, wie ich es sonst seltener finde. Wir hier wissen, wovon wir reden und schreiben und schaffen uns unsere Möglichkeiten, um neben Familie, Freunden und Ärzten auch andere Wege des Austauschs zu finden. Es tut mir einfach gut, auf Menschen zu treffen, die "im selben Boot" sitzen in den Stürmen und Katastrophen des Lebens.

Zu der Frage, ob getrennte Sparten für Angehörige, Betroffene und Hinterbliebene: ich denke immer mehr, da sollten wir nicht trennen. Schön, wenn auch Beifahrerinnen und Beifahrer im Boot sind, die die Brücke zu denen halten, die hier nicht schreiben können.

Apropos: die Männer sind hier echt Mangelware ... das fällt mir auch auf. Die Frauen sind viel reger und freudiger dabei. Daran musste ich mich auch erst einmal gewöhnen.

Schöne Grüße
Ecki
  #29  
Alt 20.05.2010, 13:08
Reinhard Reinhard ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 03.02.2009
Beiträge: 848
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Hallo Ecki,

ich finde es ja toll, jetzt auch einen Pfarrer in der Runde zu haben. Jede Gemeinde braucht doch so was.
Sie zu, daß Du uns lange erhalten bleibst!

Ich bin zwar nicht gläubig, glaube aber, daß Du Dir um das Sterben keine Sorgen machen mußt. Ich war auch schon kurz davor und fand es nicht bedrohlich. ( Vielleicht, weil ich nicht so hohe Erwartungen habe?)

Zu der Diskussion Betroffene/ Sonstige:

Ich sehe die Gefahr, daß nicht so schreibgewandte (Männer) vielleicht an den Rand gedrückt werden und, bevor sie sich "eingearbeitet" haben, resigniert das Handtuch werfen. Vor allen Dingen, wenn sie durch die Krankheit in verschiedenster Weise geschwächt sind.

Einen Kampf gegen den Krebs habe ich auch nie geführt. Eher die Bemühung, mein mir zugelaufenes oder sich eingeschlichenes "Haustier" (Adeno) nicht übermächtig werden zu lassen. Gegenüber Verwandten und Bekannten gehe ich auch offen damit um.

Kann man Deinen Radiobeitag eigentlich schon hören? Ich hielt den Sendetermin im Juni für einen Schreibfehler?

LG Reinhard
  #30  
Alt 20.05.2010, 15:14
yagosaga yagosaga ist offline
Gesperrt
 
Registriert seit: 29.04.2010
Ort: Braunschweig
Beiträge: 218
Standard AW: Kleinzeller mit Fernmetastasen

Lieber Reinhard,

ja, Frauen sind offener und schreibgewandter als Männer, und ich habe ja noch den Vorteil, dass ich ein "Wortarbeiter" bin. Schreiben ist für mich auch Lebenselixier und auch Verarbeitung meiner Krankheit. Mein Radiobeitrag ist zwar schon produziert, aber er wird wirklich erst am 20.6. ausgestrahlt und steht dann hinterher zum Download zum Lesen oder Nachhören zur Verfügung.

Mit dem Schreiben in einem solchen Forum ist es ja wie mit Schlittschuhlaufen: man muss sich irgendwann aufs Eis wagen und dann sehen, was passiert. Und mit der Erfahrung läuft es sich dann irgendwann besser.

Ja das Sterben: es ist eine große Übung im Loslassen können. Ich spüre, es gibt Dinge, die kann ich leicht und schnell loslassen oder aufgeben. Anderes tut weh. Aber vielleicht wird es dann auch "leichter", wenn das Schalentier einen zu sehr kneift und zwackt. Ich glaube, es ist dann ein Weg.

Umgekehrt will ich auch die Hoffnung nicht aufgeben. Das Haferzell-Karzinom lässt aber noch keinen richtigen Hoffnungsanker zu, wo ich mich festmachen könnte. Ich hätte gerne so etwas wie eine Karte, auf die ich setzen könnte. Wenn ich wüsste, das jemand im fortgeschrittenen Stadium so wie bei mir damit schon geheilt wurde, dann könnte ich sagen, den nehme ich mir zum Vorbild. Aber alle Recherchen diesbezüglich waren Fehlanzeige.

P.S. Morgen bin ich für drei Tage verreist, nur für den Fall, dass jemand sich wundert, wenn ich mich länger nicht melde.

LG Ecki

Geändert von yagosaga (20.05.2010 um 15:15 Uhr) Grund: P.S. angefügt
Thema geschlossen

Lesezeichen


Aktive Benutzer in diesem Thema: 1 (Registrierte Benutzer: 0, Gäste: 1)
 
Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.

Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 15:13 Uhr.


Für die Inhalte der einzelnen Beiträge ist der jeweilige Autor verantwortlich. Mit allgemeinen Fragen, Ergänzungen oder Kommentaren wenden Sie sich bitte an Marcus Oehlrich, bei technischen Kommentaren an den Webmaster. Diese Informationen wurden sorgfältig ausgewählt und werden regelmäßig überarbeitet. Dennoch kann die Richtigkeit der Inhalte keine Gewähr übernommen werden. Insbesondere für Links (Verweise) auf andere Informationsangebote kann keine Haftung übernommen werden. Mit der Nutzung erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen an.
Powered by vBulletin® Version 3.8.7 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2017, vBulletin Solutions, Inc.
Gehostet bei der 1&1 Internet AG
Copyright © 1997-2014 Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V.
Impressum: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. · Eisenacher Str. 8 · 64560 Riedstadt / Postanschrift: Postfach 130435 · 64243 Darmstadt / Vertretungsberechtigter Vorstand: Marcus Oehlrich / Datenschutzerklärung
Spendenkonto: Volker Karl Oehlrich-Gesellschaft e.V. Spendenkonto Nr. 17252500 · Volksbank Darmstadt-Südhessen eG · BLZ 508 900 00 · IBAN DE23 5089 0000 0017 2525 00 · BIC: GENODEF1VBD